In meinem Beitrag Aktivismus & Mutualismus machte ich die Unterscheidung zwischen aktivistischen und mutualistischen Gruppen. Während erstere ein gewisses Privileg seitens ihrer Mitglieder voraussetzen und deren Arbeitskraft inklusive Synergie-Gewinn vor allem in die Umwelt leiten, sind letztere für ihre Mitglieder nutzbringend. Die Kooperation führt zu Synergie-Gewinnen, die vor allem auf die Mitglieder zurück verteilt werden.
Dabei habe ich einen Aspekt außen vorgelassen: Das Bedürfnis nach Gemeinschaft. Im aktuell vorliegenden Kapitalismus ist Gemeinschaft Mangelware. Somit kann auch eine aktivistische Gruppe für ihre Mitglieder im weiteren Sinne nutzbringend sein als dass sie ein sonst unerfülltes Bedürfnis nach Gemeinschaft stillt. Dies funktioniert aber viel besser, wenn die Gruppe nicht intern moralistisch ist. “Moralismus” nenne ich das moralische Verurteilen von Personen. In meinem Beitrag Gegen den Moralismus stellte ich den gruppen-internen Moralismus dem gruppen-übergreifenden gegenüber. Diese Unterscheidung verläuft aber nicht entlang nomineller Gruppengrenzen. Auch innerhalb einer formellen Gruppe kann Moralismus “gruppen-übergreifend” wirken und somit scheitern.
Ausschlaggebend ist, ob die moralistisch zu bändigende Tendenz eine totale Randerscheinung oder eine nennenswerte Fraktion darstellt, die faktisch mit der Mehrheit konkurrieren kann. Ein moralistischer Frieden ist also gewissermaßen instabil. Wenn die Meinungen zu weit auseinander gehen und eine kritische Masse Andersdenkender überschritten wird, gelingt es auf moralistische Weise nicht mehr, diese zu ersticken. Ab diesem Punkt wird Moralismus weiterhin aufgefahren, jedoch ohne das Problem zu lösen und damit seine eigene Notwendigkeit aufzuheben. Die Menge an Moralismus, die vom durchschnittlichen Mitglied erfahren wird, steigt dann an. Die Gemeinschaftsfunktion, die die Gruppe einst für einen erfüllt hat, setzt damit zunehmend aus. Bei aktivistischen Gruppen führt dies wahrscheinlich zum Zusammenbruch, da die Gemeinschaft den einzigen Nutzen für die Mitglieder darstellte.
Deshalb müssen linksradikale Gruppen auch den formell gruppen-internen Moralismus unterlassen, da dieser jederzeit in faktisch gruppen-übergreifenden Moralismus umschlagen kann und somit eine Gefahr für die Gruppe darstellt. Ich rate diesen Gruppen daher dazu, sich an Hippie-Kommunen, christlichen Gemeinden o. Ä. ein Vorbild zu nehmen. In diesen wird tendenziell trotz aller Ideale nicht moralistisch vorgegangen. Eine Person, die einem Ideal im Handeln nicht gerecht wird, wird nicht verurteilt oder als Feind behandelt. Statt der moralischen Reinheit der Gruppe werden unmittelbare Liebe und Verständnis priorisiert.
Ich durfte diese Verständnis neulich persönlich erfahren. Seit kurzem besuche ich irregulär die frei-evangelische Christusgemeinde im Frankenberger Viertel Aachens. Dort lernte ich eine linksliberale Person kennen, gegenüber der ich eine Meinung äußerte, welche im linksliberalen, aber auch im linksradikalen Milieu kontrovers ist. Dieselbe Meinung äußerte ich neulich im internen Forum der Freien Arbeiter*innen Union. Meinen Erwartungen entsprechend wurde ich im letzteren Fall moralisch verurteilt und im ersteren nicht. Dass Christen im anti-moralistischen Sinne tolerant sein sollen, ist meiner Meinung nach offensichtlich, aber leider lässt sich das Christentum natürlich auch anders deuten. In der Christusgemeinde ist dies zum Glück nicht der Fall. Hier Auszüge aus der Predigt vom 07.06.2026:
Alle waren ein Herz und eine Seele. Unser Text beschreibt den absoluten Anfang der christlichen Urgemeinde in Jerusalem. ... Das ist am Anfang einer Bewegung immer so. Alle schauen in eine Richtung auf ein gemeinsames Ziel und sind bereit, alles dafür zu geben. ...
Da, wo Menschen mit ganzem Herzen und Einsatz dabei sind in Gemeinschaften, die auf Dauer angelegt sind, kann man nicht immer ein Herz und eine Seele sein. ... Was es in der Gemeinde braucht ist nicht „ein Herz und eine Seele“, sondern viele individuelle weite Herzen und weite Seelen. Das bedeutet viel Toleranz... Es muss auch nicht jeder zu jedem die gleiche enge Beziehung aufbauen. Es darf ein buntes Netzwerk von Herzen und Seelen sein. Da liegen manche „Maschen“ enger beieinander und andere sind weiter voneinander entfernt.
Lukas beschreibt in seiner Begeisterung „ein Herz und eine Seele“ als den Idealzustand. Aber schon direkt im Anschlusstext wird deutlich, dass es den auch in der Urgemeinde so nicht lange gab. ... Dennoch ist es gut, dass er es uns so schreibt. Er mahnt uns damit, an unserer jeweiligen „Herzenserweiterung“ zu arbeiten, damit wir uns ein gutes Miteinander in unserer Gemeinde erhalten.
Dazu hieß es in der Predigt vom 26.04.2026:
Es ist eine schon fast geometrische Wahrheit: Je näher wir, jede(r) Einzelne, an Jesus heranrücken, desto mehr rücken wir auch einander näher, desto weniger spielen unsere Milieus, sogar unsere Bubbles, eine Rolle, und die Liebe untereinander geschieht als Folge, ohne moralische Anstrengung. Der biblische Ausdruck dafür ist: Frucht.
Letzteres fand bei mir als Daoisten besonderen Anklang: Die Abwesenheit moralischer Anstrengung. Verständnis resultiert bei mir nämlich nicht aus moralischer Anstrengung, sondern aus dem Verstehen der Umstände. Daher verweise ich strikt-materialistische Leser*innen abschließend auf meinen Beitrag Deterministische Ethik. Der jüdisch-portugiesische Philosoph Baruch de Spinoza kam einst zum Schluss, dass Gott und die Welt ein und dasselbe sind. Auch er Verstand (auf andere Weise) die Nächstenliebe als Frucht des Kennenlernens von Gott und der Welt.
Gott zu kennen = Die Welt zu kennen = Nächstenliebe
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