In der Geschichte hängen gesellschaftliche Veränderungen oft eng mit dem Auftauchen neuer Technologien zusammen. Ein Beispiel dafür ist der Aufstieg des Printkapitalismus. Der Soziologe Benedict Anderson beschrieb in seinem Werk Die Erfindung der Nation, wie die Druckerpresse im 18. Jahrhundert zum Katalysator für eine tiefgreifende gesellschaftliche Umwälzung wurde.
Indem sie die Voraussetzung für eine neue bürgerliche Öffentlichkeit schuf und es Leuten ermöglichte, sich über gedruckte Medien (wie Zeitungen und Romane) über große Distanzen hinweg als Teil einer Gemeinschaft zu identifizieren, ebnete sie den Weg für den Aufbau bürgerlicher Ideologie und Macht. Diese Kommunikation schuf die strukturelle Basis für eine Welle bürgerlich-nationalistischer Revolutionen. Die Technologie allein bestimmte nicht die Gesellschaft, aber ihre Verbreitung schuf die Voraussetzung für neue Machtkonstellationen.
Der Versuch, dieses technologische Potenzial zu verstehen und gezielt zu nutzen, bildet den theoretischen Kern des linken Akzelerationismus:
Während die Argumente der Techno-Utopisten darauf beruhen, dass Beschleunigung zur automatischen Überwindung politischer Konflikte führt, behaupten wir, dass die Technologie genau darum beschleunigt werden muss, weil sie dazu gebraucht wird, soziale Konflikte für sich zu entscheiden.
– Nick Srnicek & Alex Williams, #BESCHLEUNIGUNGSMANIFEST für eine Akzelerationistische Politik
Es geht also nicht um „Technologie“ im Abstrakten, sondern um eben solche Technologien, welche die Bildung jener Machtkonstellationen begünstigen, die wir anstreben. Die Druckerpresse ermöglichte sprachliche und kulturelle Homogenität in weitaus größerem Umfang. Was wir wollen ist Basisdemokratie in weitaus größerem Umfang. Wir wollen, dass sich Leute selbst ermächtigen, indem sie miteinander mutualistische (d.h. allseits vorteilhafte) Beziehungen eingehen.
Begünstigt würden solche Entwicklungen durch Open-Source-Software, die gezielt für die demokratische Selbstverwaltung entwickelt wurde. Eine solche Infrastruktur macht direkte, demokratische Teilhabe auch in weitaus größeren Maßstäben praktikabel. Eventuell noch wichtiger ist jedoch die Tatsache, dass eine asynchrone Entscheidungsfindung die Barrieren teils kollidierender Verpflichtungen aus Lohn- und Sorgearbeit etc. weitgehend abbaut. Statt sich abends auf ein mehrstündiges Plenum zu schleppen oder für ein Wochenende auf einen Kongress zu fahren, kann man hier und da mal 20 Minuten auf der Plattform aktiv werden, egal wo man gerade ist. Dass dies keine utopische Zukunftsmusik ist, zeigen bereits existierende Open-Source-Projekte wie Loomio und Decidim.
Loomio ist für die Entscheidungsfindung in Gruppen optimiert. Es erinnert im Aufbau an vertraute Foren und Kommunikations-Apps wie Slack, bietet jedoch strukturierte, eingebaute Abstimmungsfunktionen, die Diskussionen zu dokumentierten Beschlüssen führen.
Decidim ist ein vielseitiges, modulares System, das auf großflächige Beteiligung ausgelegt ist. Der Fokus liegt auf der Einbindung sonst unbeteiligter Personen, deren Ideen zu ausgereiften Anträgen ausgearbeitet werden sollen, über die letztlich abgestimmt werden kann.
Solche Werkzeuge haben das Potenzial, nicht nur der eigenen Gruppe zu helfen. Indem wir sie aktiv sowie passiv (z.B. über personelle Überschneidungen) weiterverbreiten, stärken wir auch andere Gruppen und tragen letztlich zum Aufbau der sozialistischen Gegenmacht insgesamt bei. Jede Allianz und jede Basisgruppe sollte den Einsatz dieser Werkzeuge in Betracht ziehen.
Dieser technopolitische Ansatz ist einer des Experimentierens, Dokumentierens und Verbreitens. Teilt eure Erfolge, lernt aus euren Fehlern und sorgt dafür, dass sich die Infrastruktur der Solidarität wie ein Lauffeuer verbreitet!
Thanks for reading! Subscribe for free to receive new posts and support my work.

Comments
Nothing yet. Say the first thing.
Sign in to join the conversation.