RSS Amplifier

Hamburger Abendblatt · Aug 21, 2026

Ist das noch Basketball oder schon Popculture? Eine Kritik zum Supercup

0
Sign in to vote or save

Rupert Fabig · Hamburger Abendblatt

Es ist erst einige Tage her, dass der Hamburger OMR-Gründer Philipp Westermeyer Basketball-Welt- und Europameister Dennis Schröder in der 933. Folge seines OMR-Podcasts zu Gast hatte. Darin ging es um „Business-Cases“, „Break-Even-Points“, die „Community“ und die „Culture“. Schröder hatte mit einigen Weggefährten in diesem Sommer die „LGCY Series“ ins Leben gerufen, das Basketball-Pendent zur „Ballers League“ im Fußball.

Promis wie Schröders Nationalmannschaftskollege Franz Wagner, Schauspieler Frederick Lau und sogar NBA-Ikone Shaquille O’Neal bewarben das Event in München. 2000 Tickets seien binnen einer Minute verkauft gewesen, erzählt Schröder bei Westermeyer. Musik, Show und artverwandtes Brimborium bildeten das Fundament – alles für die „Community“ und „Culture“ eben. Ach so, Basketball gespielt wurde auch, allenfalls drittklassig, was allenfalls zweitrangig war.

Basketball-Supercup: Deutschland gewinnt gegen Tschechien

Schröder war begeistert von der Aufmerksamkeit, die vor allem digital durch Inhalte entstand, die abseits des Parketts ihre Genese hatten und das Spiel als Kulisse nutzen. „Solche Sachen kannst du dann bei Social Media posten, dann kommt Interaktion“, erläuterte der 32-Jährige im Podcast.

Am Freitagabend trafen sich in der Barclays Arena beim Supercup Social Media, Showwelt, Sport – und Schröder. Als Kapitän führte der gebürtige Braunschweiger die deutsche Nationalmannschaft standesgemäß zum 115:82 (24:21, 26:28, 36:17, 29:16)-Sieg gegen Außenseiter Tschechien und damit ins Finale an diesem Sonnabend (20.30 Uhr/MagentaSport) gegen Kroatien.

Fast 9000 Zuschauer in der Barclays Arena

Doch was zählt schon das Resultat, wenn der Sport vermeintlich fragmentiert? Bitte bleiben Sie jetzt cool und gedulden sich ein wenig für die Antwort. Die „Temperature“ (Sean Paul) stieg nämlich schon vor dem Sprungball in klimakatastrophale Bereiche an. 8739 Zuschauer klatschten rhythmisch, als der Weltranglistenzweite auf den Court schlurfte (Basketballer schlurfen jenseits der viermal zehn Minuten Spielzeit immer). Die Fantasie wollte dem Auge sogar vormachen, dass es in diesem Moment etwas rauchig-diesig in der Arena war.

Spieler der deutschen Basketball-Nationalmannschaft

Die deutsche Basketball-Nationalmannschaft ist zum Publikumsmagneten geworden.© Witters | Frank Peters

War es vielleicht wirklich. Immerhin waren die Spieler mit Pyroshow eingelaufen. Undenkbar noch vor einigen Jahren, als der Supercup vor maximal 3400 Menschen in der bodenständigen Inselpark Arena ausgetragen wurde. Am Freitagabend war die Halle schon beim Halbfinale zwischen der Türkei und Kroatien doppelt so stark besucht.

Isaiah Hartenstein schreibt Autogramme

Vom nahbaren Charakter, den die Sportart ausmacht, ging in der großen Schüssel gleichwohl wenig verloren. Typisches Basketball-Publikum: U50, Türken in Fußballtrikots, ein Courtside-Fan im Christoph-Baumgartner-Österreich-Jersey (!?), ein Kroate mit Wasserballkappe, Besserverdiener, ein paar Hipster, die vorgeben, keine zu sein, vergleichsweise viele Frauen und Familien mit Kindern, unzähligen Kindern, die vom geduldig Autogramme schreibenden NBA-Star Isaiah Hartenstein belohnt werden.

Einzig die Boxen sind eingestellt, als wären die Zuschauer betagteren Alters und bereits schwer hörgeschädigt. Immerhin: Die Musik ist exzellent abgestimmt. Der im Handball so beliebte Sirtaki und Schlager-Peinlichkeiten werden ebenso vermieden wie harter Hip-Hop, der über Jahre weit an der Zielgruppe vorbei belästigte.

Musik für „Culture“ und „Community“

Der Einsatz eines Arena-DJs, DJ Direction von den Veolia Towers Hamburg, zahlt sich aus. Der neue Mini-Song („DBB. Schwarz, Rot, Gold“) fürs Team überfliegt die Messlatte, die die meisten Sporthymnen reißen: Er kommt ohne Fremdscham aus. Im Gegenteil, das Ding klang halbwegs ordentlich. Müsste man aber noch mal hören, zum Beispiel am Finaltag am Sonnabend, um die Melodie zu erinnern.

Die Lücken in Auszeiten und Viertelpause füllen ein paar angestaubte Klassiker wie Tanzgruppen und Breakdancer. Alles auf ansehnlichem Niveau, aber alles schon zigmal gesehen. Ungebrochen erscheint dagegen die Faszination von Maskottchen auf Fans von Hallensportarten. Adler Arnold und Bärin Bearlina transportieren aber erstaunlich gut das Lebensgefühl deutsche Basketball-Nationalmannschaft. Schröder würde es als „Culture“ und „Community“ bezeichnen.

Adem Bona dunkt.

Trotz dieses Monsterdunks von Adem Bona (23) unterlag die Türkei Kroatien.© Witters | Frank Peters

Kroatien besiegt Türkei im anderen Halbfinale

Der Deutsche Basketball-Bund scheint, vielleicht auch rein zufällig, ein gutes Händchen darin zu haben. Im Gegensatz zur Basketball-Bundesliga zum Beispiel, die mit hilflos wirkenden Versuchen, durch Influencer Aufmerksamkeit zu erlangen, gescheitert war – da die Influencer gattungstypisch ausschließlich sich selbst, nicht aber den Sport inszenierten –, verzichtete der Verband dankenswerterweise darauf.

Wäre auch gar nicht nötig gewesen, denn die Spiele sprachen für sich. Angezündet wurde die Arena nämlich, als sich Türken und Kroaten eine Halbfinalschlacht lieferten, Tausenden „Türkiye“-Rufen von den Rängen mit Jubelgeschrei aus rund 15 Kehlen von der kroatischen Bank abwechselten, weil die „Kockasti“ in einem Thriller mit 95:94 (22:29, 17:19, 28:21, 28:25) gewannen. Oder als die Deutschen ihren souveränen Finaleinzug feierten. Das schönste Fazit ist, dass der Sport selbst dann doch immer noch das Crescendo liefert. Fortsetzung folgt an diesem Sonnabend.

Lesen Sie auch

Deutschland: Thiemann (20 Punkte), O. da Silva (18), Schröder (17), T. da Silva (13), Bonga (10), Krämer (9), Theis (9), Olinde (7), Lô (3), Delow (3), Bruhnke (3), Mushidi (3), Weidemann.

Read the original on abendblatt.de

Comments

Nothing yet. Say the first thing.

    Sign in to join the conversation.